Mittwoch, 7. März 2018

Zum reaktionären Charakter des islamischen Schleiers.


Statt Affirmation islamistischer Symbolik – Solidarität mit den für Freiheit und Menschenrechte streitenden Frauen im Iran – nicht nur am 8. März!


Was haben der Sportbekleidungshersteller Nike, der Barbieproduzent Mattel und das Frauen*kampftagsbündnis in Thüringen miteinander gemeinsam? Richtig: Sie alle halten die islamische Verschleierung für total unproblematisch. Zum frauenunterdrückenden Charakter des islamischen Schleiers ein Debattenbeitrag des LAK ['sisyphos].


Ende Dezember vergangenen Jahres ging ein Bild um die Welt: Vida Movahed, eine junge Iranerin, steht auf einem Stromkasten. In der Hand hält sie einen Stab an dem sie ihr Kopftuch angebunden hat. Wenig später wurde sie für diese Tat verhaftet und trotzdem folgten seit dem tausende Frauen ihrem Beispiel und legten ihren Schleier öffentlich ab und seither vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Video in den Sozialen Medien den Protest der Iranerinnen gegen den Schleierzwang in die Welt hinaus trägt. Das Portal „My Stealthy Freedom“ dokumentiert unter den Hashtags #WhiteWednesdays und #GirlsOfRevolutionStreet die Aktionen dieser mutigen Frauen, die in Ländern wie der islamischen Republik Iran für diesen Protest um ihre körperliche Unversehrtheit bangen müssen. Denn im Iran fällt das Nichttragen des Schleiers unter den Straftatbestand der „Islamophobie“, welcher mit Peitschenhieben geahndet wird. Exiliranerinnen rufen angesichts der Zustände in der islamischen Republik für den 8. März 2018 dazu auf sich weltweit mit den Protestierenden zu solidarisieren. In Köln und Aachen sind Demonstrationen gegen den Verschleierungszwang geplant und auch die Frauen*kampftagsdemo in Hamburg stellt entsprechend Raum für diese Solidarisierung bereit.

Logo des F*KT-Bündnisses Thüringen
In Thüringen müssten sich jene Exilantinnen jedoch vor den Kopf gestoßen fühlen: Wenn sich das F*KT-Bündnis am Donnerstag in Erfurt zur groß mobilisierten feministischen Demonstration trifft, dann prangt – wie auch schon im letzten Jahr – eine nach den strengen Maßgaben des iranischen Mullahregimes vorbildlich verschleierte Person auf dem Fronttransparent. Offizielle Begründung: Man möchte gezielt muslimische Frauen für die Veranstaltungsreihe und die Demonstration ansprechen. An und für sich ein löbliches Ziel. Jedoch geht man mit der gewählten Darstellung allzu leicht der Logik von Islamisten auf den Leim. Als Landesarbeitskreis ['sisyphos] in der Linksjugend Thüringen halten wir es zudem für höchst fatal und absolut ungeeignet für ein feministisches Bündnis um so für sich und seine Inhalte zu werben. Denn die islamische Verschleierung ist in all ihren Formen - egal ob Burka, Nikab, Tschador oder Hijab - ein Diskriminierungswerkzeug des Patriarchats und das zentrale Symbol für die weibliche Unmündigkeit in der islamischen Welt. Den Schleier in einem positiven Kontext zu setzten läuft – egal wie gut gemeint die Intention auch ursprünglich gewesen sein mag – auf eine Affirmation von Islamismus hinaus und stellt letztendlich selbst einen Akt der Frauenverachtung dar.

Zum Verständnis des reaktionären Charakters der islamischen Verschleierung halten wir es für essenziell, sich zunächst intensiv mit der Rolle der Sexualität sowie dem Geschlechterverhältnis im Islam auseinander zu setzen. Der folgende Text entstand auf der Grundlage eines Positionspapiers welches Vertreter_innen des LAK ['sisyphos] für eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem F*KT-Bündnis verfasst hatten.

Die Angst vor der weiblichen Sexualität

In durch das Christentum geprägten Gesellschaften wird die Sexualität dem Bereich des Animalischen zugeordnet. Als Zivilisationsleistung gilt der Sieg des Geistes über den Trieb – Sexualität muss bekämpft werden. Im Islam gestaltet sich dieses Verhältnis grundlegend anders. Entgegen landläufiger Meinungen ist es nicht von Repression geprägt – im Gegenteil: Sexualität gilt als die „gute Kraft“, deren Befriedigung Vorbedingung für das Funktionieren der sozialen Ordnung ist. Das „Individuum“ (im Islam meint dies vorrangig den Mann, wie sich später noch zeigen wird) ist darum nicht prinzipiell angehalten seine Triebe zu unterdrücken oder zu beherrschen, es soll sie vielmehr gemäß den Erfordernissen des religiösen Systems gezielt gebrauchen. Nach der aus Marokko stammenden Soziologin und feministischen Intellektuellen Fatima Mernissi schreibt der Islam der Sexualität – vorausgesetzt sie wird innerhalb der Ehe ausgelebt – drei positive Funktionen zu: Als erstes wäre die Fortpflanzungsfunktion zu nennen, die der Islam zum zentralen Credos der geschlechtlichen Vereinigungen erklärt. Dabei geht es nicht nur um Reproduktion und Fortbestand der islamischen Gemeinschaft (Umma), sondern auch um ihre Ausdehnung. Weiterhin soll zweitens der Geschlechtstrieb nach islamischer Theologie dem wahrhaft Gläubigen das Paradies und die ihm dort verheißenden Wonnen schmackhaft machen und ihn dadurch ermutigen sich durch gottgefälliges Handeln nach seinem Ableben einen Platz in Selbigen zu sichern. Und drittens soll die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse den Gläubigen dabei helfen die durch den Sexualtrieb hervorgerufene Spannung abzubauen, was als Grundlage göttlicher Erkenntnis gilt. Die positiven Funktionen zwei und drei sind dabei ausschließlich dem islamischen Mann vergönnt. Die Aufgabe der Frau erfüllt sich allein darin der Umma ihre Nachkommen zu sichern und die sexuellen Spannungen des Mannes zu mildern. Im Paradies wird sie nicht wie der Mann mit 72 Jungfrauen belohnt. Allah vergönnt ihr lediglich Schönheit, welche über die der Paradiesjungfrauen hinaus gehen soll. Wenn davon die Rede ist, dass der Islam in der Sexualität die „gute Kraft“ sieht, dann ist damit lediglich die männliche Sexualität gemeint.
Mernissi kommt zu dem Schluss, dass die Botschaft des Islams daher auch nur von einer Menschheit aus Männern ausgeht. Die Frauen stehen außerhalb der Menschheit und stellen sogar eine Bedrohung für diese dar: Ihre Sexualität wird als unwiderstehlich und zerstörerisch fantasiert. Die Gottesfürchtigkeit des Mannes, dessen Lebensziel dem Dienst an Allah gewidmet sein soll, wird durch ihre bloße Gegenwart auf die Probe gestellt. Ihrer teuflischen Anziehungskraft vermag er nicht zu widerstehen. Durch sie lässt sich der Mann zu zina (den illegitimen – außerehelichen – sexuellen Verkehr) hinreißen und damit vom Pfad Allahs abbringen. Sie zerstört damit die islamische Ordnung. Es kommt zu fitna (Unordnung/ Chaos), die immer entstehen kann wenn ein Mann auf eine Frau trifft. Da – anders als im Christentum – nicht die Sexualität an sich, sondern nur die weibliche Sexualität dieses Chaos verursachen kann, bekämpft der Islam konsequenterweise die Frau und attackiert sie sowohl als Verkörperung, wie auch als Symbol der Unordnung.
Der Schutz der islamischen Ordnung legitimiert dadurch ihre rigide Kontrolle: Ausschluss der Frauen vom öffentlichen Leben, Polygamie als Vorrecht des Mannes und die Möglichkeit Frauen jederzeit formlos zu verstoßen sind institutionalisierte Formen der Unterdrückung. Der besondere Stellenwert der Sexualität im Islam wird auch dadurch deutlich, dass die einzige Möglichkeit für Frauen sich von ihren Männern zu trennen darin besteht, dass sie dessen Impotenz oder Zeugungsunfähigkeit nachweisen können, er also der ersten Funktion der Sexualität – den Fortpflanzungsdienst für die Umma – nicht nachzukommen imstande ist. Ansonsten sind die Frauen durch den Koran zum strikten Gehorsam gegenüber ihren Ehemännern verpflichtet. Sind sie es nicht droht Bestrafung. „Diejenigen [Frauen] aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnet sie, verbannet sie in die Schlafgemächer und schlagt sie“(4:34), heißt es beispielsweise im Koran. Die Strafpraxen erschöpfen sich dabei nicht nur in Verstoßung, Einsperrung und körperlicher Züchtigung, sondern können im schlimmsten Fall im berüchtigten Ehrenmord gipfeln. Mernissi schlussfolgert, dass die Organisation allen gesellschaftlichen Lebens im Islam, insbesondere auf der Ebene der Familie und ihrer Gesetze, gleichermaßen sowohl als Angriff wie auch als Schutz vor der als destruktiv imaginierten Macht der weiblichen Sexualität betrachtet werden muss.

Mehr als nur ein Stück Stoff: Zum Wesen des islamischen Schleiers

Sinn und Zweck der Verschleierung sind also im Schutz der Umma durch die Segregation der zerstörerischen Einflüsse zu finden. Diese äußert sich symbolisch auf drei Wegen: Der Schleier steht erstens für die Trennung der Geschlechter innerhalb der islamischen Gemeinschaft entlang der Sphären Öffentlichkeit und Privatheit, zweitens trennt er die „Guten“ Muslimas von den „Schlechten“ und drittens demonstriert der Schleier die Trennung der Umma von und ihre Verachtung für die säkularen und individualistischen Gesellschaften der Ungläubigen.
Über die symbolische Bedeutung hinaus ist der Schleier aber nicht nur ein Erkennungszeichen islamisch-patriarchaler Überwachung, Unterdrückung und Herrschaft, er ist diese selbst, bzw. – neben der häuslichen Isolation – eine ihrer zentralen Techniken. Frauen, die in Ländern mit Schleierpflicht aufwachsen, werden durch ihn auf ihr Geschlecht reduziert. Er markiert sie weiterhin als „Besitz“ des Mannes, den anzuschauen oder gar zu berühren sündhaft wäre, oder aber er zeigt an, dass sie dem "Heiratsmarkt" zur Verfügung stehen, wo ihre Tugend- und Schamhaftigkeit und besonders die Jungfräulichkeit ihren "Handelswert" bestimmen. Unter dem Vorwand der Bewahrung ihrer Tugend werden Frauen im Islam systematisch zugerichtet. Der Koran legt ihnen nahe sich nur mit hängenden Schultern, niedergeschlagene Augen und ohne sichtbaren Schmuck außerhalb des Hauses zu bewegen (24:31). Durch den Schleier jeglicher Individualität beraubt, erscheinen Frauen in der islamischen Öffentlichkeit daher als uniforme Gespenstergestalten, die idealerweise weder visuelle noch akustische Aufmerksamkeit erregen.

Der Schleier muss in dieser Doppelgestalt begriffen werden: als erstens sowohl konkretes Symbol für den ganzen Überwachungs- und Strafapparat, als auch abstraktes Symbol für die Ablehnung der Moderne und Islamismus, und zweitens als ein wesentliches, unter Gewaltandrohung und -ausübung sich in den betroffenen Körper materiell einschreibendes, Unterdrückungswerkzeug des islamischen Patriarchats, dass wie es bei der Exiliranerin Chahdortt Djavann heißt, unauslöschbare Spuren in der Psyche, der Sexualität und der sozialen Identität derjenigen hinterlässt, denen es ab der Pubertät aufgezwungen wird.

Grad und Häufigkeit der Verschleierung weisen aus, wie konservativ und antiliberal eine Gesellschaft eingestellt ist. Spätestens seit dem islamistischen Staatsstreich im Iran 1979 gewinnen islamistische Organisationen, welche die Hinwendung zur Moderne und die sie begleitenden gesellschaftlichen Liberalisierungstendenzen als Verrat an den Lehren Allahs verurteilen und darum eine Rückwendung auf den frühen Islam anstreben, in der gesamten islamischen Welt verstärkt an Popularität. In diesem Kontext ist auch das verstärkte Aufkommen von Verschleierungspraktiken zu sehen. Nicht auf die freie Entscheidung von Frauen, sondern die archaischen Gesellschaftsvorstellungen jener Islamisten lässt sich die Renaissance des islamischen Schleiers zurückführen, wie sie seit Ende des 20. Jahrhunderts festzustellen ist.

Fest steht: Solange weltweit Frauen systematisch unter den islamischen Schleier gezwungen und bei Verstößen terrorisiert werden, sollte völlig klar sein dass er schlicht ungeeignet ist um werbend für eine feministische Veranstaltungsreihe wirken zu können. Statt islamistische Symbolik zu affirmieren wäre ein Schulterschluss mit den im Iran für Freiheit und universelle Menschenrechte streitenden Frauen angebracht. Für diese muss jedoch die aktuelle Logowahl des Thüringer Bündnisses wie ein Schlag ins Gesicht wirken.

Literatur/ Quellen:

Der Koran, aus dem arabischen übertragen von Max Henning. Hamburg 2016.

Mernissi, Fatima: Geschlecht, Ideologie, Islam. München 1987.

My Stealthy Freedom: http://mystealthyfreedom.net/en/ ; zuletzt überprüft am 07.03.2018.

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